Facebook - Dieses Auge sieht alles - 1. Teil
Dieses Auge sieht alles - 1. Teil
In einer Zusammenarbeit mit News, in Wien, Österreich

Die Facebook-Fallen. Mobbing, Datenklau und Überwachung - was der wundersame Mister Zuckerberg mit Ihren Daten wirklich macht und seine Einstellung zu seinen Kunden.
„Diese Idioten vertrauen mir alles an und erst noch ohne sie darum gebeten zu haben“
Das Unternehmen brauchte acht Jahre, um die Welt zu revolutionieren. Unsere Art, miteinander zu sprechen, uns kennenzulernen, uns zu verabreden, hat sich durch Facebook brutal verändert.
Das soziale Netzwerk hat sich so tief in unser Alltagsleben hineingefräst wie zuvor nur das Fernsehen oder das Radio. Doch Facebook ist nicht nur passiver Sender von Informationen - der Konzern animiert uns zum Mitmachen; er lebt nur durch seine Benutzer und ihre Interaktion. Facebook bietet uns eine Weißfläche, die mit unserem Alltag gefüllt werden soll. Und - wir sind süchtig nach dem Leben der anderen und dem Update des eigenen.
900 Millionen Menschen tummeln sich in der globalen Gesichterparade, allein in Österreich sind es schon 2,8 Millionen. 50 Prozent schauen jeden Tag rein. Vier Milliarden Meldungen werden täglich in Facebook eingespeist. Vieles erscheint belanglos. Doch jedes Fitzelchen an Information, das wir mit unseren virtuellen Freunden teilen, lässt Rückschlüsse auf uns selbst zu. Jedes Foto, auf dem wir markiert sind, gibt Aufschluss über unsere Hobbys, Gewohnheiten und Interessen. Und diese Informationen sind Milliarden wert.
Denn: Marktforscher, Behörden und Werbeagenturen verwerten die Informationen. Sie schalten personalisierte Werbung, lernen uns detailliert kennen - am Ende besser als unsere Freunde und Familien. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres hat Facebook mit personalisierter Werbung eine Milliarde Dollar umgesetzt.
Die Flut an Daten, die auf den Serverfarmen von Facebook landet, bietet eine Machtfülle, die Angst macht. Was weiß das Unternehmen aus Kalifornien über mich? Wie verwertet es mein Leben?
Politlog/NEWS zeigt die Fallen, in die Facebook-Nutzer geraten können - und wie das soziale Netzwerk unsere Lebensdaten verkauft.
Jedes Bild, jede Statusmeldung, jedes Klicken auf den "Like“-Button wird von Facebook archiviert. Im Rahmen von Einladungs-und Synchronisierungsfunktionen werden die Handy- und E-Mail-Adressbücher der Nutzer ausgewertet. "Dabei werden natürlich auch die Daten von Nicht-Nutzern des Netzwerkes erhoben, langfristig gespeichert und zu Vermarktungszwecken verwendet“, sagt Franz Kotteder, Autor und Social-Network-Experte.
Diese Praxis alleine steht im krassen Gegensatz zu europäischem Datenschutzrecht. Der Europarat beschloss schon in den 1980ern, dass kein Unternehmen und keine Behörde Daten, die nicht mehr gebraucht werden, abspeichern darf.
Nach den spektakulären Klagen des Wiener Jus-Studenten Max Schrems (siehe Interview vom 8. Mai 2012) hatte der Konzern bis zum 31. März Zeit, seine Nutzungsbestimmungen zu ändern und dem europäischen Datenschutzrecht anzupassen - geschehen ist nichts. Facebook sieht den europäischen Datenschutz als lästige Begleiterscheinung seiner globalen Expansion. In Amerika gibt es de facto kein Recht der Bürger auf Selbstbestimmung über die Verwendung der eigenen Daten, da der Geheimdienst selber daran interessiert ist.
Facebook modifiziert, erweitert oder ergänzt im Monatstakt seine Zugriffsrechte auf die bereitgestellten Inhalte. Ohne dass die User etwas davon mitbekommen. "Wenn das letzte Sicherheits-Update über ein Jahr her ist, kann man sicher sein, dass es löchrig ist.
Ganz alltäglich ist mittlerweile Mobbing via Facebook - vor allem unter Schülern. Der 14-jährige Michael (Name von der Redaktion geändert) wurde über Facebook von seinen Klassenkameraden in einer eigens gegründeten "Anti-Michael-Gruppe“ beschimpft und ausgelacht. 22 Klassenkameraden drückten den "Like“-Button. Mike wurde als "Opfer“ angeprangert, Fotos des Schülers wurden entstellt gepostet. Eltern und Lehrkörper sahen keinen Ausweg, außer dem Klassenwechsel.
"Ich dachte immer, dass mich die Mitschüler mögen. Nach dem Facebook-Mobbing wusste ich, was sie wirklich über mich denken.“ Michael entkam dem Psychoterror - doch ein Kärntner Schüler, der via Facebook als homosexuell beschimpft wurde, beging nach den Attacken seiner Mitschüler Selbstmord. Die Initiative "Saferinternet“ geht davon aus, dass 20 Prozent der 12- bis 19-jährigen Schüler Opfer von Cyber-Mobbing sind.
Liest der Verfassungsschutz bei Facebook mit? Ein Fall dokumentiert, wie österreichische Beamte Unterstützung von Facebook bei der Überwachung eines Kärntner Neonazis einholten. Es ist der erste Fall in Österreich, bei dem Daten von Facebook an Behörden weitergeleitet wurden. Im konkreten Fall hilfreich - grundsätzlich aber bedenklich. Denn: In den USA sind Anfragen an Facebook an der Tagesordnung. Über National Security Letters - eine Anordnung ohne richterlichen Beschluss - holen sich die Ermittler die Freunde-Netzwerke, Chat-Aufzeichnungen und Postings von jedem auch nur ansatzweise Verdächtigen. Max Schrems geht davon aus, dass die Behörden bald auch bei uns vermehrt auf die Online-Plattform zugreifen werden.
Vor wenigen Tagen wurde der Fall der deutschen Leichtathletin Ariane Friedrich bekannt. Ein Unbekannter schickte ihr Bilder seines Genitals per E-Mail. Friedrich reagierte auf Facebook und stellte den Echt-Namen ihres Stalkers und seinen Wohnort online. Seitdem wird diskutiert, ob diese Art der Selbstjustiz rechtens ist.
In der realen Welt ist Stalking strafbar. Das digitale Auflauern und Belästigen einer Person über das Internet durch massiven Chat-oder Mail-Kontakt und die Veröffentlichung privater Details, die ein Täter von Facebook gezogen hat, befindet sich in einer juristisch schwer greifbaren Grauzone. Am einfachsten schützt man sich gegen unliebsame Besucher, indem man die Profileinstellungen so restriktiv wie möglich wählt.
Doch es gibt neuerdings Abhilfe für Opfer von Cyber-Stalking. Facebook hat die "Melden“-Funktion eingerichtet. Jeder User kann ihm gegenüber feindlich gesinnte Personen dem Unternehmen melden. Dieses Tool funktioniert nach Erfahrungen des Salzburger IT-Anwalts Peter Harlander recht gut. "Wer der Sache Nachdruck verleihen will, kann Freunde bitten, ebenfalls eine Meldung zu erstatten. Es kann auch helfen, Anträge an Facebook auf Englisch einzureichen. Das wird oft schneller behandelt.“ Allerdings gibt es auch gegenteilige Erfahrungen. Im Fall einer österreichischen Journalistin sah sich Facebook nicht einmal durch einen richterlichen Erlass dazu veranlasst, den Stalker aufzuhalten.
"Schicken Sie einem Freund einen Blumenstrauß“, "Tragen Sie die Geburtstage Ihrer Freunde auf mycalendar ein“: 500.000 Applikationen bieten Spiele und Vernetzungsfunktionen an. 70 Prozent der Mitglieder nutzen laut Facebook Apps. Doch die Programme von privaten Firmen sind regelrechte Sammel-Maschinen. Um eine App überhaupt zu starten, müssen die User einwilligen, dass sie E-Mail-Adresse, Basis-Informationen wie Geburtsdatum und Name sowie Familien- und Beziehungsstatus bekanntgeben. Die Daten wandern zur Weiterverarbeitung auf unauffindbare Server. Auch die Facebook-Apps, die auf dem Smartphone installiert sind, saugen die Adressbücher leer.
Das Phänomen "Identitätsklau“ betrifft normalerweise Prominente. Der Fall von Formel-1-Star Sebastian Vettel ist besonders krass: Ein Unbekannter legte in seinem Namen eine Fan-Site an. 60.000 Menschen drückten "Gefällt mir“. Der Unbekannte gab als Beziehungsstatus Vettels "Single“ an und behauptete, dass dieser in seinem Heimatort Heppenheim eine denkmalgeschützte Villa für 1.500.000 Euro mit 300 Quadratmeter Wohnfläche gekauft habe. Alle Angaben waren erfunden.
Doch auch Normalbürger kann es erwischen: Ein Linzer geriet ins Netz der Ermittlungsbehörden, weil er durch derbe Postings auffiel. Verdacht: Kindesmissbrauch. Am Ende stellte sich heraus, dass sich die ehemalige Lebensgefährtin wegen verschmähter Liebe Zugang zu dem Profil des Linzers verschafft und die brutalen Statusmeldungen gepostet hatte.
Andrea Maria Dusl, Journalistin beim Wiener Wochenmagazin "Falter“, staunte nicht schlecht, als eines Tages ihr Facebook-Account gelöscht war. Sie erhielt eine E-Mail mit der Nachricht "Missbrauch einer Identität“. Dusl forschte nach den Gründen und stieß auf taube Ohren. Sie fand bei Facebook weder Ansprechpartner noch eine Helpline.
Die Online-Anzeige gegen einen anderen Facebook-User kann jeder erstatten: Ein wiederholter Klick auf den "Melden“-Button und die Kategorie "gefälschte Identität“ wählen, und Facebook löscht den Account. "Vielleicht war es die Rache eines verstoßenen Facebook-Freundes“, so Dusl.
Kelli Roman ist Mutter zweier Kinder. Sie lud Bilder von sich beim Stillen ihres Jüngsten hoch. Prompt löschte das Netzwerk ihre Bilder. Roman erkundigte sich nach den Gründen. Sie erhielt eine unpersönliche Antwort mit dem Verweis auf die Nutzungsbestimmungen. Diese untersagen in der US-Fassung das Hochladen von "obszönen, pornografischen oder sexuell eindeutigen“ Inhalten - das Stillen von Säuglingen gehört offenbar dazu. Roman gründete die Gruppe "Hey Facebook - Stillen ist nicht obszön“. Knapp 100.000 Menschen schlossen sich ihrem Protest an, und ihr Fall wurde publik - die Richtlinien wurden aber nicht geändert.
Facebook wirkt sich schlecht auf Beziehungen aus. Die Liebenden bekommen mehr Informationen über ihre Partner, als ihnen lieb ist. Ein sorgloses Posting, ein leicht zugänglicher Account, und schon ist die Versuchung da, den Geliebten auszuspionieren. Finden sich dort ellenlange Chat-Protokolle und private Nachrichten an Nebenbuhlerinnen, kann das die Ehe kosten. Der sorglose Umgang mit Facebook ist in Großbritannien schon für jede dritte Scheidung verantwortlich. Staranwalt Alfred Boran schätzt, dass hierzulande bereits jede zehnte Ehe wegen gezielter oder irrtümlicher Indiskretionen auf Facebook in die Brüche geht. "Das sind 1.900 Scheidungen pro Jahr.“
Tendenz - rasant steigend. Facebook lässt der Eifersucht großen Raum.
"Wir haben so große Angst, dass wir unsere Lieben verlieren, dass wir letztendlich Probleme in die Beziehung hineinfantasieren. Dieser Effekt ist nicht neu. Allerdings bietet Facebook eine völlig neue Qualität des gegenseitigen Ausspionierens“, schreiben die US-Psychologen Joan Atwood und Conchetta Gallo zu dem Thema.
Mitglieder bei Facebook:
2004: 1.000.000
2005: 5.500.000
2008: 100.000.000
2009: 350.000.000
2010: 500.000.000
2011: 800.000.000
4/2012: 900.000.000



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