Teilchen und nicht Gottesteilchen
Teilchen und nicht Gottesteilchen
Nach jahrelanger Suche ist jetzt das Higgs-Teilchen endlich nachgewiesen, so wird es jedenfalls behauptet. Eine Entdeckung mit kaum absehbaren Folgen für die Menschheit und ihrem Planeten. Ein „Gottesteilchen“ ist es deswegen dennoch nicht.
© DPA
Lassen wir zuerst den lieben Gott aus dem Spiel. Dessen Spuren muss keiner nachweisen, und dafür muss man auch keine drei Milliarden Euro teure Apparatur bauen, deren hochtrabende Bezeichnung „Weltmaschine“ zwar auch schon anmassend klingt, aber längst nicht so lächerlich ist wie das häufig benutzte Wort vom „Gottesteilchen“.
Das Higgs-Teilchen, dessen Entdeckung jetzt bekanntgegeben wurde, ist das letzte unbekannte Elementarteilchen, das für die Gültigkeit des Standardmodells und damit für die Gültigkeit unseres physikalischen Weltbildes mit seinen elementaren Kräften und Elementarteilchen benötigt wird. Am wenigsten also brauchen Religionen das Higgs. „Gottesteilchen“ ist vielmehr die verunglückte Verstümmelung des Buchtitels „Das gottverdammte Teilchen“.
Rationalität und Irrationalität liegen dicht beieinander. Auch die Gefahren für die Bevölkerung in dieser Region liegen jenseits jeder Verantwortlichkeit.
Unvorstellbare Kosten und alle schweigen
Über 3000 Wissenschaftler aus über 120 Ländern arbeiten in Genf. Die jährlichen Kosten betragen ca. 2,85 Milliarden Euro. Ob unsere Sozialwerke von dieser Lohnsumme profitieren und wenn ja, wie viel, war nicht zu erfragen. Verantwortungslosigkeit. Nur eines ist sicher, dass das Experiment vor anderthalb Jahren fehlgeschlagen war, hat nichts mit einem eigentlichen Fehlschlag zu tun, sondern damit, dass man realisierte, dass die Gefahr und damit die Angst, dass die Stadt Genf in einem „Schwarzen Loch“ verschwinden könnte zu gross geworden ist.
Seit einem halben Jahrhundert fahndet man nach Spuren des Higgs-Teilchens. Nur mit ihm kann man erklären, wie andere Teilchen zu ihrer Masse gekommen sind. Es hat weniger damit zu tun, dass wir schwer sind - dafür sind vor allem die Anziehungskräfte zwischen den Atomen verantwortlich. Und dennoch ist Higgs ein absolutes Schlüsselelement des Universums.
Der indirekte Nachweis dieses Elementarteilchens ist zweifellos eine der wichtigsten Errungenschaften der modernen Physik. Der Triumph einer globalisierten und mit gewaltigen Mitteln ausgestatteten Grossforschung. Einer Industrie, die mithin auch als Bedrohung angesehen wird. So nah beieinander wie kaum irgendwo sonst liegen hier Rationalität und Irrationalität. Die Betreiber des Genfer Teilchenbeschleunigers, in dem man jetzt das Higgs dingfest gemacht hat, wurden kürzlich noch mit Ermittlungsverfahren konfrontiert, weil man durch die Simulation des Urknalls mit riesigen Energien angeblich nicht nur Teilchen sichtbar machen will, sondern vermeintlich auch schwarze Löscher mit apokalyptischem Potential erzeugen könnte. Dieser Unsinn hat die Experimente glücklicherweise nicht gebremst.
Dennoch ist nichts sicher und abgeschlossen. Auch nicht das Wissen über Higgs und das Standardmodell. Mehr als 95 Prozent des Universums etwa bestehen aus dunkler Materie und dunkler Energie, von der man quasi noch gar nichts weiss. Das letzte Wort ist also noch lange nicht gesprochen, weder in Bezug auf die Existenz neuer Physik noch auf die des lieben Gottes.



