Arme Schweiz - reiches Afrika Teil 2
Arme Schweiz - reiches Afrika
Eine ungewöhnliche Beleuchtung Teil 2
Der wirtschaftliche Aspekt nach der Fussball-WM
Vor knapp drei Monaten ist das grösste Sportspektakel in der Geschichte des Kontinents, die Fussball-WM in Südafrika, zu Ende gegangen. Was ist geblieben von der grossen Euphorie?
Frust und Hoffnungslosigkeit, begründet durch die Tatsache, dass sich Südafrika die WM hat vier Milliarden Euro (ungefähr 36 Milliarden Rand) kosten lassen. Das Geld ist verbraucht, doch zu viele Projekte wurden nicht fertiggestellt. So zum Beispiel die Schnellbahn vom Internationalen Flughafen Or Tambo nach Pretoria. Gebaut wurde die Bahn nur bis nach Sandton, dem heutigen Geschäftszentrum von Johannesburg. Das entspricht ungefähr einem Drittel des Gesamtprojektes und viele fürchten zu Recht, dass die fehlende Strecke nie mehr fertiggebaut wird.
Die Arbeitslosenrate ist durch die WM nur unbedeutend gesunken und ist heute bereits wieder am Steigen. Die Bevölkerung ist schwer enttäuscht von den Organisatoren und der FIFA.
Viele Einwohner haben hartes Geld investiert um an ihren Häusern Verbesserungen zu tätigen und Gästezimmer zu bauen, um diese dann an die WM-Besucher zu vermieten. Die FIFA hat dies jedoch nicht erlaubt, dafür aber viele frustrierte Menschen mit Hypothekarschulden hinterlassen. Südafrika steht deshalb vor schweren Zeiten, nicht nur was den Immobilienmarkt betrifft.
Landflucht und Elendsviertel
Die Landflucht in Afrika geht ungebremst weiter. Die Menschen versuchen der Armut und dem Mangel an Perspektiven auf dem Land zu entrinnen, um in der Stadt ein besseres Leben zu führen. Dort finden sie weder Jobs noch einen menschenwürdigen Platz um zu leben. Sie landen in Slums von unvorstellbaren Ausmassen und in Lebensverhältnissen, die katastrophal schlecht sind. Die Regierungen sehen dem tatenlos zu und kümmern sich nicht um die Folgen.
Wenn sie finden, dass die Luft durch diese Zuwanderer allzu sehr verpestet wird, gehen sie in eine andere Gegend. So geschehen in Johannesburg. Der ehemalige Stadtteil mit der Börse ist verkommen, dafür sind Sandton, Fourways oder Clearwater entstanden. Einkaufs- und Freizeitanlagen, um die hunderttausend Häuser gebaut worden sind. Die Infrastrukturen betreffend Strassen und Elektrizität sind ungenügend. Städte wie Johannesburg mit sieben Millionen Einwohnern (offiziell vier Millionen) oder die nigerianische 1l-Millionen-Stadt Lagos wachsen jährlich um etwa fünf Prozent.
Die Armut, die Seuchen und die Kriminalität werden sich selbst überlassen. Es ist dort eine Unterwelt entstanden, die niemanden mehr interessiert. Die Elendsviertel sind oft ohne Wasser, Kanalisation und ohne Infrastruktur. Sie versinken zum Teil in Exkrementen und Abfall. Soziale Regeln sind längst ausser Kraft gesetzt. Brände, Überflutungen, Behördenwillkür und Gewalt
treffen vor allem diese Slums. Trotz der immensen Einnahmen der afrikanischen Staaten, z. B. aus Ölförderung, Gold-, Kupfer- oder Diamantenminen, leben die Menschen in den Elendsvierteln nicht nur ohne Wasser- und Abwasserversorgung, sondern auch ohne Bildungssysteme und Gesundheitsversorgung. Die herkömmlichen Städte werden dem Verfall überlassen, die Slumbevölkerung in menschenunwürdiger Umgebung im Stich gelassen. Die Kindersterblichkeit durch schlechtes Wasser, Abfall und Fäkalien sind sehr hoch. Dramatische Ausmasse hat die sexuelle Ausbeutung durch die Landflucht in den Elendsvierteln angenommen. Sie betrifft Kinder jeden Alters und wird von Eltern, Familienmitgliedern, Nachbarn, Altersgenossen und oft auch Lehrern oder durch den Sextourismus ausgeübt. Immer noch ist es schwer für Frauen, den Tätern vor Gericht Vergewaltigung und Anwendung von psychischer Gewalt nachzuweisen. Oft kommen die angeklagten Männer rasch wieder auf freien Fuss. Die Betroffenen haben keine Fürsprecher.
Einige Vergleiche des täglichen Lebens zwischen der Schweiz und Afrika
Gefängnisse:
Schweiz Einzel- oder Doppelzimmer mit Fernseher und Internetanschluss, helle schöne Zimmer, drei Mahlzeiten, auf Wunsch auch nur Schaf- oder kein Schweinefleisch
Afrika Raumgrösse 8 x 8 Meter, 32 Insassen; 8 Betten, die geteilt werden müssen. 1 Toilette im Raum ohne Privatsphäre. In dieser Zelle herrscht dann eine Luft, bei der jeder Häftling nach 6 Stunden einfach einschläft.
Einwanderung:
Seit 1988 verbringe ich jedes Jahr eine gewisse Zeit in Südafrika und Namibia. Ich bin oft Zeuge geworden, was es für Menschen heisst, in diese Länder einreisen zu wollen um eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten. Von hundert schafft es vielleicht einer und dann nur, wenn er für
eine Hilfsorganisation oder für die UNO tätig sein wird. Die Menschen, oft gut ausgebildete Fachkräfte, melden sich ordnungsgemäss an, füllen Papiere aus, bringen die besten Zeugnisse und zahlen grosse Summen an Geld für Gebühren an die Agenturen (oft ehemalige Staatsangestellte) um dann nach Monaten den Bescheid zu erhalten, das Land unverzüglich verlassen zu müssen. Sollte die betroffene Person das Land nicht verlassen, droht man ihr mit Gefängnis und hohen Bussen. Es handelt sich dabei um demokratische und politisch stabile Länder. Die Apartheid hat nicht aufgehört, sie hat lediglich die Seite gewechselt. Da gibt es keine Völker- oder Menschenrechte und keine Rechtswissenschaftler, die einem beistehen. Auch die Medien fehlen, um die korrupten Regierungen ins Rampenlicht zu bringen.
Sie fragen sich zu Recht, weshalb dann Entwicklungshilfeorganisationen der UNO Arbeitsgenehmigungen erhalten? Hier fliessen die Gelder für alles, was das Herz der Regierungen begehrt, nur nicht für die eigene Bevölkerung. Die Entwicklungshilfe hat versagt und ist korrupt. Deutschland, Österreich oder England fangen nun an bei der Entwicklungshilfe zu sparen.
Die Geburt eines Kindes
Es ist zwei Uhr morgens. Es klopft, ein Arbeiter steht vor der Türe und sagt, Mister, da ist ein Problem.
Irgendwann realisiert man, dass die Frau des Arbeiters in den Spital sollte, da sie kurz vor der Entbindung steht. Die Frau wird hinten auf die Autobrücke geladen um die Fahrt von 32 km über eine Schotterstrasse und viel Staub hinter sich zu bringen. Nach der Hälfte wird angehalten, um nachzufragen, wie es steht. Etwas ist geschehen, man spürt es. Das Kind ist bereits geboren. Die Fahrt geht weiter. Alle sind glücklich und das Kind gesund. Die Spitalkosten für die Frau mit dem neugeborenen Kind haben zwanzig Franken gekostet.
Der Tod eines Kindes
Es ist zehn Uhr am Abend, der starke Regen hat aufgehört. Viele aufgeregte Stimmen vor dem Haus. Zwei Arbeiter, die erklären wollen, dass sie ein Problem haben mit einem Kind. Wir fahren zu ihrer Unterkunft etwa drei Kilometer vom Wohnhaus entfernt. Wir finden ein zwölfjähriges Mädchen am Boden liegend. Mit der Taschenlampe können wir sehen, dass ihr Oberarm rot angelaufen ist. Durch den Regen hat eine Schlange (Puffotter) Zuflucht in der Blechhütte des Arbeiters gesucht und dabei das am Boden schlafende Mädchen gebissen. Es vergehen Stunden, bis wir im hundert Kilometer entfernten Spital sind. Im näher gelegenen Spital konnten sie diesen Biss nicht behandeln. Zwei Tage später ist das Mädchen gestorben.
Die Behandlungskosten im Spital betrugen zwölf Franken. Niemand war glücklich. Die Natur hat gefordert und die Menschen haben es verstanden und akzeptiert.
Die Gesellschaften der hochentwickelten Länder sind in den letzten Jahren krank geworden. Die Menschen dieser Gesellschaften merken es nicht. Die Menschen aber, denen wir immer helfen wollen, ohne sie zu fragen, ob sie diese Hilfe überhaupt wollen, schon.


