03. März 2012
Wahlen in Russland – Die undankbare Aufgabe von Ex-Präsident Medwedew und die wirtschaftlichen Auswirkungen mit dem neuen Präsidenten Putin.
Dmitrij Medwedew - Präsident auf Abruf - hat nie um die Macht und für seine politischen Projekte gekämpft. Dem Land hat er dadurch mindestens so geschadet wie sein Ziehvater Putin. Zum Ministerpräsidenten degradiert, könnte er auch in dem Amt scheitern oder vielleicht kommt alles ganz anders.
Medwedew ist erst kurze Zeit im Amt, als er vor 5000 Gästen im Kreml zum 15. Jahrestag der russischen Verfassung spricht. Kurz zuvor hat er längere Amtszeiten für Präsident und Parlament ins Grundgesetz schreiben lassen, damit nicht mehr so oft gewählt werden müsse.
Er preist das Engagement des Kreml für Freiheit und Demokratie, da steht ein junger Mann auf, der an einer Moskauer Hochschule Ökonomie studiert. "Was hört ihr ihm zu?", schreit er in den Saal. "Er selbst hat alle Bürger- und Menschenrechte verletzt! Im Land herrscht Zensur, es gibt keine freien Wahlen ..."
Sicherheitsbeamte in schwarzem Anzug stürzen sich auf den 25-Jährigen, sie halten ihm den Mund zu. "Lasst ihn los!", ruft Medwedew, "die Verfassung wurde genau deshalb angenommen, damit jeder das Recht hat, seine Meinung zu sagen!" Aber die Männer vom Kreml-Sicherheitsdienst hören nicht auf ihn, sie drehen sich nicht mal zum Staatschef um. Sie packen den Störer und tragen ihn aus dem Saal.
So war es immer mit Dmitrij Anatoljewitsch Medwedew, dem Staatsoberhaupt. Wenn er sich in seiner Limousine dem Kreml näherte, kündigten die Männer von der Wache an, "der Präsident trifft gleich ein". Kam aber Premier Wladimir Putin angefahren, meldeten sie: "Nastojaschtschij jedet" - jetzt kommt der Echte.
Eine Woche ist es her, dass Medwedew auf dem Kongress der Staatspartei "Einiges Russland" kampflos der Aufgabe seines Postens zustimmte und sich ins Amt des Premiers abdrängen ließ. Es war die bedeutendste Weichenstellung für Russland, seit Boris Jelzin den KGB-Oberst Putin vor knapp zwölf Jahren ins höchste Staatsamt gehievt hatte - und eine Zäsur, die das Riesenreich wohl für mehr als ein Jahrzehnt prägen wird. Nur sieben Monate noch wird Medwedew Russlands Führer sein; vom "amtierenden" Präsidenten sprechen seit dem Wochenende die Staatskanäle, als könnten sie den Vollzug der Rochade nicht erwarten. Es hat keinen öffentlichen Aufschrei gegeben in Moskau in diesen sechs Tagen. Vor dem Puschkin-Denkmal, dem Treffpunkt der Andersdenkenden, versammelten sich am Tag nach der Ankündigung gerade mal 500 Empörte.
Aber in den politischen Zirkeln wird heftig diskutiert. Denn es bleiben zahlreiche Fragen. Ist die Rückkehr Putins in den Kreml gut für Russlands Stabilität oder der Todesstoß für Demokratie und Liberalismus? Bedeutet sie wirtschaftlichen Aufschwung oder Stagnation?
Die wichtigste Frage aber lautet: Hat Medwedew in den dreieinhalb Jahren seiner Amtszeit überhaupt jemals für die von ihm verkündeten Werte gekämpft? Es könnte ja sein, dass er von Anfang an wissentlich die Rolle des gehorsamen Kreml-Soldaten in einem Schauspiel übernahm, dessen Ausgang das Tandem Putin/Medwedew dem Volk erst vergangenes Wochenende offenbarte. Dann wäre er nur Sesselwärmer auf dem Kreml-Thron gewesen - Dekoration wie der Bauernsohn Michail Kalinin, der die Sowjetunion unter Stalin 23 Jahre lang formell als Staatsoberhaupt vertrat, oder der Ukrainer Nikolai Podgorny, der dasselbe fast 12 Jahre lang unter Parteichef Breschnew tat.
Wenn die Dinge wirklich so abgelaufen sind, wie es nun den Anschein hat, dann hat dieser Präsident in den letzten Jahren eine für Russland verhängnisvolle Rolle gespielt. Trotz seiner vermeintlich liberalen Ansichten, ja gerade deswegen. Dann war er leider nicht mehr als Putins Komplize.
Dass Medwedew nur vier Jahre als Stallwache im Kreml dienen wird, das war schon unmittelbar vor seiner Wahl 2008 eine verbreitete Theorie. In den letzten Monaten aber hatten sich die Gerüchte über Putins Rückkehr verstärkt. Da war die Bilderflut, die dem Volk im Wochentakt einen omnipotenten Regierungschef präsentierte: Putin am Lenkrad eines Lada, wie er - angeblich ganz allein - Sibirien durchquert, wie er im Pazifik einen Grauwal jagt, mit Bikern Motorrad fährt oder als Taucher eine antike Amphore vom Meeresgrund holt. Und dann jüngst das Bild, auf dem er mit entblößtem Oberkörper beim Arzt steht und sich seine knackige Gesundheit bestätigen lässt.
Das war die Botschaft: Seht her, ich bin der Stärkste im Land. Medwedew sah man zur selben Zeit kraftlos und fast schon verzagt und immer wieder ankündigend, er werde sich nun wirklich bald über seine politische Zukunft als Präsident äußern. Was er aber nie tat. Er hatte aufgegeben, vor Monaten schon.
Medwedew, der mehrfach die Praktiken russischer Staatspropaganda verurteilt hatte, war nur noch Staffage. Schweigend saß er neben Putin, jenem Politiker, der Russland möglicherweise nun länger regieren wird als Leonid Breschnew. Diesen "Mann voller Komplexe", der überzeugt ist "von der absoluten Freiheit all seiner Handlungen gegenüber dem eigenen Volk", als Nachfolger zu installieren, sei der größte Fehler Jelzins gewesen, sagt der frühere russische Botschafter in Frankreich, Jurij Ryschow, über Putin. Ja, sogar "ein Verbrechen".
Es war aber, das stellt sich nun heraus, genauso unverantwortlich, vor dreieinhalb Jahren einen Mann wie Medwedew im Kreml zu installieren.
Putin hatte ihn ausgewählt, weil er sich dieses Mannes sicher sein konnte, er hatte Medwedew Anfang der neunziger Jahre zu seinem Assistenten in der St. Petersburger Stadtregierung gemacht. Als er 1999 Premier wurde, holte er den Getreuen in seine Kanzlei, später als Präsident berief er ihn zum Leiter der Kreml-Verwaltung und zum Aufsichtsratschef des Energieriesen Gazprom. In allen Ämtern erwies sich Medwedew bis zur Selbstaufgabe als loyal. Deshalb konnte er seinen Rivalen Sergej Iwanow, den selbstbewussten ehemaligen Verteidigungsminister, ausstechen, als es 2008 um die Nachfolge Putins ging. Bei dem hätte der neue Premier befürchten müssen, ins Aus gedrängt zu werden.
Medwedew war also keinesfalls der liberale Gegenspieler Putins, als er in den Kreml einzog - auch wenn der Westen und russische Intellektuelle das gern so sahen. Er war nur anders sozialisiert als Putin. Den hatten die chaotischen Neunziger geprägt, als es galt, informell zu regieren, an Gesetzen und Institutionen vorbei. Medwedew dagegen war nicht mehr der klassische Machtpolitiker, er glaubte offenbar an Ideen und ans Internet, während Putin den Computer scheut, der eine so ganz andere Welt vorführt, als sie in Putins Kopf existiert.
Dass Medwedew mit keiner eigenen Agenda in den Kreml kam, zeigt die Entscheidung über die verlängerten Amtszeiten von Präsident und Parlament, die er gleich zu Beginn traf. Diese gravierende Verfassungsänderung, die eine weitere Erosion des demokratischen Systems bedeutete, war Teil einer geheimen Absprache - Putin und er hatten sich noch vor der Wahl darauf verständigt. Es war der erste Verrat an den liberalen Ideen, die Medwedew später öffentlich predigte, der Geburtsfehler seiner gescheiterten Präsidentschaft.
Konsequenzen, die er selbst nicht zog. Enttäuscht schrieb ein "Wanja" im Blog des Präsidenten: "Wir sind ein Land der Bettler, ein Land ohne Zukunft, ein Land der Sklaven, des Chaos und des Zerfalls. Herr Präsident, tun Sie endlich etwas. Schwafeln Sie nicht!"
Aber Medwedew traf selten eigene Entscheidungen. Die Entlassung des Moskauer Oberbürgermeisters Jurij Luschkow und später die prowestliche Stellungnahme zum Nato-Einsatz in Libyen, den Putin zuvor als "Kreuzzug" gegeißelt hatte - viel mehr kam da nicht. Alle weiteren Versuche, sich von seinem Mentor Putin ein wenig zu lösen, scheiterten kläglich. Der Präsident wollte Russland schnell in die Welthandelsorganisation (WTO) führen, um das rückständige Reich tiefer mit der Weltwirtschaft zu verzahnen. Wann immer er aber mit seinen Beratern eine Hürde zum WTO-Beitritt beseitigte, baute Putin eine neue auf; im Alleingang erhöhte der sogar die Einfuhrzölle für importierte Autos. In einem landesweit übertragenen Interview Ende Dezember 2010 erwähnte Medwedew einmal die Namen von Putin-Gegnern, das war bis dahin im Staatsfernsehen ein Tabu. Wenige Tage später ließ Putin Boris Nemzow, einen ehemaligen Vizepremier und heutigen Oppositionellen, bei einer Kundgebung festnehmen. Er schmähte ihn und seine Mitstreiter als Vaterlandsverräter, "die Russland verkaufen wollen".
Medwedew kritisierte auch die Vorverurteilung des Ölmagnaten Michail Chodorkowski durch Putin vor Ende des zweiten Gerichtsverfahrens - der habe mindestens drei Morde auf dem Gewissen, hatte der Premier gesagt. Medwedews Einwurf half wenig, Chodorkowski bekam 14 Jahre.
Es lag wohl auch an der gediegenen Erziehung des Professorensohns, dass er sich nie dazu durchringen konnte, seine politische Macht wirklich zu nutzen. Er war kein Boris Jelzin, der um seiner Überzeugungen willen Amt und Leben aufs Spiel setzte, und kein Alphatier wie Putin, der sich schon in Kindheitstagen auf den Hinterhöfen eines Petersburger Arbeiterviertels gegen Stärkere durchzusetzen verstand.
Medwedew empfand sich stets als der kleine Bruder Putins, auf fast jedem Bild, das die beiden gemeinsam zeigt, ist es greifbar: ob Haltung, Pose, Gang - das Staatsoberhaupt versuchte, den Regierungschef zu kopieren.
So konnte ihn Putin - der Medwedew duzt, während der ihn mit "Sie" anspricht - bei Bedarf grenzenlos demütigen. Für Medwedews Vorzeigeprojekt Skolkowo, ein von ihm erträumtes russisches Silicon Valley, und seine Modernierungskommission gab es im Haushalt gerade 250 Millionen Euro. Putin schuf sich dagegen einen eigenen Modernisierungsausschuss mit einem 2,4-Milliarden-Euro-Budget, um sich von ihm abzusetzen.
Wollte Medwedew wirklich noch einmal für den Präsidentenposten kandidieren, wie aus Kreml-Quellen zu hören war? Und hat ihn Putin dann im August, während eines gemeinsamen Angelausflugs an der Wolga bei Astrachan zum Rückzug gedrängt? Das wird das Geheimnis der beiden bleiben. Dass Putin ihn jetzt aber auch noch zwang, als Spitzenkandidat von Einiges Russland anzutreten, war der Gipfel der Erniedrigung - denn Medwedew hatte diese Partei der Claqueure oft kritisiert.
Die Erfahrung, von Putin vorgeführt zu werden, wird ihm auch nicht erspart bleiben, wenn er Ministerpräsident ist - falls es überhaupt zu dieser Ernennung kommt. Dann muss er jenes Programm durchsetzen, das Putin auf dem Parteitag von Einiges Russland verkündet hatte. Auch das läuft eigentlich Medwedews Vorstellungen zuwider, denn Putin hat aus Russland ein Land des Staatskapitalismus gemacht - der Anteil der Unternehmen in Staatshand am Bruttoinlandsprodukt hatte sich unter ihm wieder auf fast 50 Prozent erhöht. Medwedew dagegen wollte Staatsbetriebe wie den Ölgiganten Rosneft und die Fluggesellschaft Aeroflot privatisieren, blieb aber schnell stecken.
Der größte Flächenstaat der Erde hängt weiter am Tropf seiner Öl- und Gasexporte. Abgesehen von Raumfahrt, Atom- und Rüstungsindustrie scheiterten alle Versuche, andere Wirtschaftszweige reif für den Weltmarkt zu machen. Die Kluft zwischen Reichen und Armen wuchs, das Gesundheitssystem erinnert in einigen Landesteilen an Staaten der Dritten Welt.
Um diese Missstände zu kaschieren, schönte Putin auf dem Parteitag von Einiges Russland seine Bilanz, wo immer er konnte. Er schwärmte von sechs Millionen neugeborenen Kindern seit 2008, dem "höchsten Wert seit 20 Jahren" - und verschwieg, dass die Zahl der Verstorbenen im selben Zeitraum weiterhin um mindestens eine Million höher lag. Kein Wort verlor er darüber, dass gutausgebildete Nachwuchskräfte verstärkt das Land verlassen.
Dafür brach eine Flut von Wahlversprechen über die Delegierten herein, die Staatshaushalt wie Unternehmen extrem belasten werden. Die Renten sollen um 19 Prozent steigen, Armee und Flotte in den nächsten Jahren neu ausgerüstet, die Kommunalabgaben für Strom und Wasser eingefroren und 1000 Schulen gebaut werden. Lehrer, Ärzte, Polizisten und Soldaten erhalten ab sofort 6,5 Prozent mehr Gehalt oder Sold. Wie trotzdem die von Putin geforderten Wachstumsraten von jährlich 7 Prozent erreicht werden sollen, bleibt ein Rätsel.
Es ist ja nicht er, der das alles nun umsetzen muss, sondern ab Mai Medwedew, der neue Premier. Der muss dann auch Steuererhöhungen und eine Heraufsetzung des Rentenalters vorantreiben, beides lässt sich nicht mehr lange umgehen. Putin kann das getrost aus dem Kreml verfolgen, den Schaden bei der zu erwartenden Empörung hat dann nicht er; Medwedew als Sündenbock aus dem Amt werfen kann er allemal - was der umgekehrt nicht mal im Traum tun konnte. Es ist vorprogrammiert, dass der glücklose Präsident auch als Premier erfolglos bleiben wird.
War Medwedew überhaupt jemals ein Reformer?
In der Woche nach der Entscheidung über den Machtwechsel war beim Noch-Staatsoberhaupt von liberalen Ideen nicht mehr das Geringste zu spüren. Im Gegenteil: Er schlüpfte nun in die Rolle des Rambo-Politikers Putin. Vor laufenden Kameras entließ er in rüpeliger Manier Finanzminister Kudrin - weil der die Finanzpolitik des Kreml kritisiert habe. Und am Dienstag fuhr er in Lederjacke zu einem Militärmanöver, um dort höhere Rüstungsausgaben zu fordern - Russland sei schließlich eine Atommacht und "keine Bananenrepublik" - wer damit nicht einverstanden sei, solle sich einen anderen Arbeitsplatz suchen.
So spricht keiner, der anders als Putin denkt. Damit bleibt die nüchterne Bilanz: Medwedew wurde grob überschätzt, er war oder konnte kein ehrlicher Präsident sein. "Er betete das Mantra einer Modernisierung herunter und erweckte damit Hoffnungen auf Veränderung - bei gleichzeitiger totaler Untätigkeit", sagt Lilija Schewzowa vom Carnegie-Zentrum, einem Moskauer Think-Tank. Viele hätten auf seinen Vorsatz gebaut, Russland voranzubringen.
Die Publizistin Julija Latynina fand diese Woche einen bösen Vergleich: In einem normalen Wahlsystem könne nur einer Präsident werden, schrieb sie, aber alle dürften abstimmen. In Russland sei es umgekehrt: "Hier kann jeder Präsident werden, selbst Putins geliebter Labrador - aber nur einer darf sagen wo's langgeht: Putin."
Medwedews frühere Anhänger nehmen dem Präsidenten eines besonders übel: dass dieser junge, gesunde und völlig handlungsfähige Mann es nicht für nötig hielt, seinen mehr als 52 Millionen Wählern zu erklären, warum er nach nur einer Amtszeit das Handtuch wirft. (Es hätte sein Tot sein können)
Viele hätten jetzt ihre letzten Illusionen abgelegt, bestätigt der Politologe Anatolij Bernstein: "Russland verliert damit die Energie und den Glauben vieler anständiger Bürger", die es für seine Erneuerung so dringend gebraucht hätte.
So bedenklich es für die russische Bevölkerung ist, kennt man im Westen für dieses Macht- und Überwachungsmodell doch viele Nachahmer. In der Schweiz heissen sie Berset und Levrat.