15. März 2011
Südafrika ohne Jobs und wirtschaftliche Perspektiven
Die Arbeitslosigkeit ist das grösste Problem Südafrikas. Jetzt hat die Regierung von Jacob Zuma(ANC) fünf Millionen neue Stellen bis zum Jahr 2020 versprochen. Von der Nachhaltigkeit der WM 2010 ist kaum etwas übrig geblieben.(faz/wo)
Vor den Baumärkten in Johannesburg stehen Männer jeden Alters schon um sechs Uhr morgens mit ihren Schildern um irgend eine Arbeit zu erhalten. Auf den ersten Blick mag man sie für eine Gruppe von Demonstranten halten, jedem vorbeifahrenden Auto rufen sie etwas zu und schwenken mit ihren Schildern. Auf denen stehen handgeschrieben Worte wie "Painter", "Plumber" oder "Any work". Hier geht es nicht um Politik. Die Männer wollen Jobs, auf einer Baustelle, in einem Privathaus, für ein paar Stunden oder einen Tag. Einige verlangen 80 Rand (10 Franken) am Tag. "Manchmal stehen hier mehr als hundert Arbeiter", erklärt mir Ruben, Verkäufer im Builder's Warehouse und es werden immer mehr.
Die allmorgendlichen Szenen vor dem Baumarkt zeigen, was die südafrikanische Regierung als drängendstes Problem des Landes bezeichnet: die Arbeitslosigkeit. Staatspräsident Jacob Zuma hat 2011 zum Jahr des Stellenwachstums ausgerufen. Fünf Millionen neue Arbeitsplätze sollen bis 2020 geschaffen werden. Vor einem Jahr noch hatten viele Südafrikaner die Hoffnung, die Fußball-WM werde alles richten. Jetzt stehen die Stadien und die Fußball-Fans sind abgereist. Auch wenn Südafrika die globale Rezession, verglichen mit entwickelten Ländern, gut überstand, verloren eine Million Menschen seit Anfang 2009 ihren Arbeitsplatz.
Offiziell liegt die Arbeitslosenquote bei rund 25 Prozent. Volkswirte aber sind sich einig, dass diese Quote in Wirklichkeit bei ca. 52% liegen dürfte. Millionen Menschen seien schon so desillusioniert, dass sie nicht mehr aktiv eine Arbeit suchten und Geld im immer ständig wachsenden informellen Sektor verdienten.
Als alarmierend bezeichnete Finanzminister Pravin Gordhan die Situation der Jüngeren. Offiziell haben 48 Prozent der Südafrikaner im Alter von 18 bis 30 Jahren keine Beschäftigung. Dem Land könnten ähnlich Aufstände wie in Nordafrika bevorstehen, sollte es nicht endlich mehr Arbeit geben, warnte Gordhan in seiner Haushaltsrede vor wenigen Tagen. 17 Jahre nach dem Ende der Politik der Rassentrennung ist die Frustration in der schwarzen Bevölkerung groß. Zwischen Arm und Reich hat sich die Kluft noch vergrößert. In den Armenvierteln brodelt es seit langem. Proteste gegen nicht eingehaltene Versprechen der Regierung gehören dort schon zum Alltag.
Dass die Regierung ihr Ziel erreicht, halten die meisten Wirtschaftsexperten für unwahrscheinlich. Gordhan gab zu, dass die Wirtschaft 20 bis 30 Jahre lang um 7 Prozent im Jahr wachsen müsse, um die Arbeitslosigkeit spürbar zu verringern. 2011 wird ein Wachstum von 5,3 Prozent erwartet. Volkswirte nennen das schwache staatliche Bildungssystem als einen der Gründe für die Schwierigkeiten. Auch wenn Unternehmen über alle Branchen hinweg über Fachkräftemangel klagen, sind in Südafrika nur 40 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter beschäftigt. In großen Schwellenländern wie Indien beträgt die Quote 55, in Brasilien 65 und in China 71 Prozent. Der Internationale Währungsfonds weist auch auf verkrustete Strukturen und die Macht der Gewerkschaften hin, die mit der Regierungspartei ANC und der Kommunistischen Partei eine Dreier-Allianz bilden. Wie groß der Einfluss des Gewerkschaftsbundes Cosatu ist, zeigt sich aktuell in einer
Debatte um verschärfte Arbeitsmarktgesetze. Vorgesehen ist etwa, sämtliche Vermittler von Arbeitskräften, auch Zeitarbeitsunternehmen, zu verbieten. Arbeitgeber sollen Mitarbeiter nur noch in Ausnahmefällen befristet oder auf Teilzeitbasis einstellen dürfen. Cosatu pocht dabei auf ordentliche Arbeitsplätze. Der Finanzminister hält dagegen, dass jede Arbeit besser sei als Arbeitslosigkeit.
Gordhan will jetzt mit seinen Mitteln ein Jobwunder herbeiführen. In den nächsten drei Jahren sollen 150 Milliarden Rand (20 Milliarden Franken) in den Arbeitsmarkt fließen: in staatliche Infrastrukturprojekte, Subventionen für etliche Branchen und in 100 000 Arbeitsplätze im ohnehin schon aufgeblähten öffentlichen Sektor. Auch geplant sind ein mit 9 Milliarden Rand gefüllter "Job-Fonds" und Lohnsubventionen für junge Menschen von 5 Milliarden Rand. Gegen Letztere laufen die Gewerkschaften Sturm, weil sie Kündigungen älterer zugunsten junger Mitarbeiter befürchten.
Die Regierung sei gewillt, Geld auf den Tisch zu legen, sagte der Minister. Gleichzeitig aber müsse sich auch an den Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt etwas ändern. Schon jetzt erhalten mehr Menschen in Südafrika staatliche Hilfe als Menschen Steuern bezahlen. "Es gibt nur 5,5 Millionen Steuerzahler", davon 4,1 Millionen Weisse und die können nicht für alles bezahlen, was eine Bevölkerung von 50 Millionen braucht.
Das Land steht daher vor schweren wirtschaftlichen Zeiten. Grosse Massendemonstrationen werden nicht zur Seltenheit werden, da die versprechen über die Nachhaltigkeit der Arbeitsstellen so schnell verflogen sind, wie die Gäste nach der WM das Land wieder verlassen haben.
Die eigentlichen Nutzniesser sind die Chinesen. 5000 an der Zahl erhalten jedes Jahr einen südafrikanischen Pass und können so Immobilien und Farmen im grossen Still einkaufen und sind von der Mehrwertsteuer für Import und Export befreit. Für die einheimische Geschäftewelt klar ungleiche Spiesse und die Bevölkerung kann sich die Preise auf dem Immobilienmarkt nicht mehr leisten. Viele sind gezwungen, ihre Häuser zu verkaufen und sich bei weissen Farmer ein Bungalow zu mieten, da sie die Kosten für Strom, Telefon und Wasser nicht mehr bezahlen können. Die Pensionen sind seit 15 Jahren gleich geblieben die Lebenshaltungskosten haben aber um 300% zu genommen.
Weiteres ungemach droht Südafrika demnächst mit einer grossen Immobilienblase so wie sie 2007 und 2008 Amerika erlebte und wieder erleben wird. Das Immobiliengeschäft ist fast völlig zum erliegen gekommen, da die Banken höchsten noch 60% des Kaufpreises finanzieren. Die Zinsen dürften im Sommer ebenfalls stark steigen und so die Banken in grosse Liquiditätsengpässe bringen werden und somit die Arbeitslosigkeit und Armut unter allen Schichten noch mehr ansteigen lassen.
W.O.