Realitätsverlust ohne Grenzen



Die Mobilisation der Massen durch die Fussball-Weltmeisterschaft könnte eindrücklicher nicht sein.

Viele Länder zeigen wieder Patriotismus, Länder, in denen der Patriotismus fast verpönt oder von den Medien als alter Zopf verschrien wurde.


Doch dies ist es nicht, was ich ansprechen möchte, sondern die Tatsache, dass beinahe 10'000 Journalisten sich für diesen Anlass akkreditiert haben.

In Zahlen ausgedrückt heisst dies, dass allein die Kosten für diese Journalisten bei 120 Millionen liegen dürfte, ohne die 32 Mannschaften, die am Turnier beteiligt sind nund die FIFA mit ihren tausenden von Mitgliedern und Mitläufern.


Die gleichen Medien, die sich berufen fühlen uns ständig zu erklären, wie sich die Welt zu verhalten habe in Sachen Umwelt und ökologisches Wirtschaften; die in Afrika den Menschen erklären, dass sie es sind, die leider diese Kosten verursachen müssen, damit der Kontinent nicht vergessen wird.


Sie erklären uns aber nicht, dass Real Madrid 80 Millionen Euro für einen Trainer ausgibt, nur um diesen zu engagieren zu können, oder 100 Mio. für einen Spieler. Sie erklären uns nicht, dass viele dieser Spieler locker 10 bis 14 Millionen Euro verdienen. Da sind Banker nur noch kleine graue Mäuse.

Sie erklären uns nicht, dass der Trainer von Südafrika, Coach Carlos Alberto Parreira aus Brasilien, 280'000 Franken monatlich verdient (Rand 1,9 Mio.) ohne die Kosten für 4 Autos, Haus und Bodyguards.

Der gleiche Parreira, der die Möglichkeit gehabt hätte, Spieler aus dem Team Super Sport, das dreimal hintereinander die südafrikanische Meisterschaft gewonnen hat, in das Nationalteam aufzunehmen, es aber nicht gemacht hat, weil sie nicht die richtige Hautfarbe hatten und der gleiche Parreira, der erklärt, er hoffe, nie wieder das Gesicht von Schiedsrichter Massimo Busacca sehen zu müssen.

Doch da sind keine Medien, die nach Gerechtigkeit schreien, keine Strafrechtsprofessoren, die uns ständig wegen Völkerrechtsverletzungen anklagen wollen.


Doch all das interessiert im Moment kaum jemanden. Zu sehr sind die Menschen im WM-Fieber. Zu sehr wird im Moment Patriotismus gelebt. Der Patriotismus, den die 68er-Generation
unter Mithilfe der Medien und Intellektuellen mit Füssen getreten hat. Heute ist Patriotismus wieder Mode geworden und die, die den Patriotismus damals mit Füssen getreten haben, wollen nun damit noch verdienen. Selbst die Linken und die Gewerkschaften, die das Volk unermüdlich gegen die Bankmanager aufhetzen, sonnen sich im Licht dieser fussballerischen Ekstase, da sind solche Zahlen nur noch Nebensächlichkeiten. Hauptsache, das Volk realisiert es nicht, welche unsportlichen Elemente wie Gewalt, Drogen und Korruption bis in die höchsten Regierungsebenen, oder die unsoziale Vergoldung von Spielern, in diesem Sport vorhanden sind.

Erschreckend, der Realitätsverlust unserer Gesellschaft.

 

Walter Ostermeier