04. Januar 2010
Neujahrsgedanken 2010 - Winterkrieg - Russland 1941/42
Erzählt von Rudolf Bereiter, 1919 - 2004, bis 1950 in russischer Gefangenschaft, Aufgenommen und bearbeitet von Walter Ostermeier
Vom Sich-Finden des Menschen
Jeder Mensch wird nach einem Krieg ein anderer sein. So z.B. der russische Mensch. Er ist durch den Zweiten Weltkrieg ein anderer geworden, als er zuvor war. Der Krieg eröffnete ihm die „Chance“, sich von oktroyiertem Menschenidol zu befreien.
Notgedrungen hat erstens Stalin einen unmarxistischen Anstoss dazu gegeben, indem er am 3. Juli 1941 den „vaterländischen'' Krieg ausrief und damit ungewollt der Vaterlandsliebe eine grössere Kraft zutraute als der kommunistischen Ideologie einer „Internationale''. Das Klassenkampfmotiv wurde zu Papier. Der russische Mensch erlebte sich wieder als Russen mit Heimatliebe und Vaterlandsliebe.
Der zweite Durchbruch russischen Selbstverständnisses war schon vorher am 22. Juni 1941 von der russisch orthodoxen Kirche ausgelöst worden. Sie erklärt, dass „das Vaterland einen jeden zur Tat ruft'' und die Kirche das Volk „zur Verteidigung der Wahrheit und des Vaterlandes'' verpflichtet. So die Metropoliten Sergius von Moskau und Alexius von Leningrad. Als dann in den von Deutschen besetzten Gebieten allerorte kirchliches Leben aufblühte, sah auch Stalin sich genötigt, der Kirche einige Lockerungen zuzugestehen. Die für die Bevölkerung nichts mehr sagende Ideologie des Marxismus vertrocknete und die russische Seele konnte sich wieder an der Botschaft des Evangeliums nähren. Gewiss wurden nicht alle Russen aus Atheisten plötzlich zu Christen, aber viele latente Christen wagten sich wieder hervor. Aus einer verschwindenden Minderheit wurde eine beachtenswerte Bekennergemeinde, die bei Kriegsende nahezu 25% der russischen Bevölkerung betrug und später durch die kommunistischen Machthaber wieder stark beeinträchtigt wurde.
Dadurch wurde auch ein dritter Durchbruch russischen Seelenlebens ausgelöst. Anstelle einer Motivation zum Klassenkampf kam das Motiv der Nächstenliebe wieder auf. Es erwachte die alte russische Barmherzigkeit und Warmherzigkeit. Schliesslich stellte sich viertens als Frucht christlicher Frömmigkeit bei vielen Russen die besondere russische Leidensbereitschaft wieder ein. Für sie ist alles irdische Leiden mit der Unvollkommenheit alles irdischen Wesens, auch der Menschen, untrennbar verbunden und zugleich ein Lichtzeichen auf eine andere als diese irdische Welt, auf das Reich des Herrn. Niemand hätte dieses vorauszusagen gewagt. Menschliches Planen zweier Diktatoren zur Weltherrschaft ohne Religion schmolz dahin wie der Schnee im Frühling.
Friede unter Europas Völkern
Vom Beginn des Mittelalters (4. bis 5. Jahrhundert) bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hatten europäische Völker – trotz Erbes aus antikem Humanismus und trotz christlichen Liebesgebote – mehr als anderthalb Jahrtausende einander mit Kriegen überzogen. Diese Kriege waren lange Zeit hindurch aus dem Machtstreben von Fürsten geboren, dann nach der Französischen Revolution von nationalistischer Selbstüberhebung der Völker.
Damit sollte der Zweite Weltkrieg aufgeräumt haben. Aus antikommunistischer Haltung den russischen Menschen moralisch abzuqualifizieren ist ebenso ungerecht, wie aus antinationalsozialistischer Haltung den deutschen Menschen moralisch abzuqualifizieren. Anstelle des über die Menschen beider Seiten auch heute noch oft ausgegossenen Hasses und selbstgerechten Hochmuts hätten diese Menschen wohl eine gerechtere Würdigkeit verdient, nämlich Mitleid mit Menschen, die in Friedens- wie in Kriegszeiten mit furchtbaren Leiden an Körper, Geist und Seele gequält waren. Diese Würdigkeit wäre auch dem schweizerischen Volk und deren Aktivdienstlern während des Zweiten Weltkrieges zu gestanden.
Russische und deutsche Menschen haben heute kaum mehr Hass aufeinander. Wo immer sie sich begegnen, bringen sie Verständnis füreinander auf, weil sie wissen, dass zwei Diktaturen aus Machterweiterungs- bzw. Machterhaltens-Motiven die Völker gegeneinander getrieben haben. Gerade die Kriegsteilnehmer von damals verstehen sich in nahezu kameradschaftlicher Selbstverständlichkeit. In Rückerinnerung freuen sie sich – bei allem Nichtvergessen - jetzt dem Feind und Leidensgefährten von ehedem unbefangen und vorurteilslos zu begegnen. Die Schablone Feind ist weggefallen.
Als der Zweite Weltkrieg sein Ende gefunden hatte, waren die ersten Gedanken der Menschen in der Gefangenschaft: Jetzt endlich, nach solch apokalyptischen Geschehen, kann es in Europa keinen Krieg mehr geben. Diese Einsicht war damals wohl in den meisten Menschen der Kriegsgeneration herangereift: In Europa kein Krieg mehr! Friede macht aus Europas Völkern eine Gemeinschaft.
Darin liegt wohl die eigentliche Frucht des Sterbens so vieler Menschen: die Völker Europas haben die Einsicht gewonnen, dass dieser von christlichem Geist geprägte Kulturkontinent keinen Krieg mehr unter seinen Völkern aufkommen lassen darf. Wie es mit anderen Kontinenten mit einer andere Geschichte und Religion stehen mag, ist damit jedoch nicht beantwortet.
Es hat lange gedauert, bis die Völker Europas so einsichtig wurden. So tief sitzt das Böse im Menschen, das es so vieler Millionen an Menschenopfern bedurfte, um die Einsicht zur Willensbildung werden zu lassen: Wir sollten keinen Kriege mehr führen gegeneinander. Dann war der Tod der Gefallenen ein Opfertod. Sie sind nicht umsonst gefallen. Zweimal wurde ganz Europa von einem wilden Völkerhass überschwemmt, bis sich solche Erkenntnis durchsetzte. Es war ein hoher Preis, für menschliches Ermessen ein allzu hoher.
Was ist der Mensch?
Er ist wie eine Blume auf dem Felde: Wenn der Wind darüber weht, so ist sie nicht mehr da. Millionen sind dem Sturm von Habgier, Hass und Rache auf Europas Feldern erlegen. Ihre Gräber sind verweht. Ihr Leben blieb unvollendet. Wozu haben sie gelebt? Um Material für Machtstreben von Diktatoren zu sein? Wie lange wird es dauern, bis sie vergessen sind? Was ist ein Menschenleben wert? Der Kriegssturm ist über Massen von Menschen dahingebraust. Bleibt die Erkenntnis von der Vergänglichkeit des Menschen.
Der Mensch im Widerspruch
Jeder ist anders, keiner kennt sich selber richtig. Der Mensch ist ein Widerspuch in sich selbst. Ein Wesen, das mit einem Wort und Begriff nicht zu fassen ist. Er ist grausam und barmherzig in einer Person. Der Mensch kann einen anderen Menschen töten, er kann ihn verschonen, er kann ihn beschützen. In seinem Selbsterhaltungstrieb wie in seinem Egoismus kann er über Leichen gehen, in Selbstlosigkeit und Mitempfinden kann er sich für andere opfern.
Der Mensch – ein Rätsel
Der Mensch ist sich selbst ein Rätsel. Er versucht, sein Wesen denkend zu erkennen. Er hat das Bedürfnis, sich selbst zu verstehen in seiner Widersprüchlichkeit, er will sich definieren können, findet aber keine ausreichende Antwort. Alles nur Stückwerk, gefangen in einer für ihn illusorischen Welt.
Der Mensch - mit Kraft zum Bösen
Was für ein merkwürdiges Wesen ist der Mensch? Da will er Frieden und macht Krieg. Auch beim Einsetzen seiner menschlichen Fähigkeiten für Frieden schafft er Unrecht, sät er Böses, gerade dann, wenn er es nicht will. Weil der Mensch strebt, zu „sein wie Gott'' und von sich aus selbst zu bestimmen, ,,was gut und böse ist'', hat er keinen absoluten Massstab mehr für sein Handeln. Was er heute für gut hält, kann er morgen verwerfen; was er morgen für gut hält, kann er übermorgen verwerfen. Der Zeitgeist bestimmt ihn, wenn er nicht Gottes Willen über sich anerkennt. Der daraus resultierende Wertezerfall lässt dann jegliches Handeln zu.
Und heute?
Heute finden wir sie wieder, die Machtbesessenen im Hause der Europäischen Gemeinschaft, in Amerika, China oder Russland. Sie wollen die Macht über alle Völker. Sie wollen über alles bestimmen, doch sie nennen es nicht Macht, sie nennen es Globalisierung, sie nennen es nicht Krieg sondern Kampf gegen den Terrorismus. Dass es jedoch diese Machtbesessenheit ist, die die heutigen Kriege auslöst, will niemand zur Kenntnis nehmen.
Sie wollen bestimmen, wo welche Kuh wie viel Milch geben darf. Wo welche Pflanzen angebaut werden dürfen. Wo welche Grippe auszubrechen hat. Wo wie viele Menschen aus anderen Ländern und Kulturen aufgenommen werden müssen. Welches Land man auf irgend eine schwarze Liste setzt.
Welchem Land man den den globalisierten Krieg erklärt. Welche Art kultureller Gesellschaft erlaubt ist. Kriege wie sie die Welt erlebt hat wird es nicht mehr geben. Doch die Multikulti- Gesellschaften werden vergehen und mit ihr der Friede unter den Völkern Europas, die sich diesen einst so sehr gewünscht hatten.