Die Globalisierung macht es möglich - immer mehr Menschenströme, immer mehr
geheime Mächte und immer mehr Unverständnis des einfachen Bürgers.

An das Jahr 2008 wird man sich noch lange erinnern und es wird noch viel
brauchen, die Ereignisse einzuordnen und zu verstehen, was alles passiert ist in
den letzten zwölf Monaten:
Der Aufstand in Tibet, das schwere Erdbeben in China mit zehntausenden von
Toten und auch in Burma, mit fatalen Folgen für die Bevölkerung, da die
burmesische Junta die Tragödie herunter spielte und internationale Hilfe
lange Zeit verweigerte. Die fast zu perfekten Olympischen Spiele der neuen
Weltmacht China, der gigantische Summen verschlingende Wahlkampf in den USA
mit der Premiere eines farbigen Präsidenten.
Ein Krieg zwischen Russland und Georgien mit nur Verlierern, die schwerste
flächendeckende Finanzkrise seit den dreissiger Jahren, die Terroranschläge
von Mumbai.
Das irische Nein zum EU-Verfassungsvertrag verkommt ob all diesen
Geschehnissen zur einer Randnotiz. Doch was ist anders, als bei den
historischen Augenblicken vom 11. September 2001 oder beim Irakkrieg 2003, die als lautere Explosionen auf unserem Planteten wahrzunehmen waren?
Es ist der emotionale Hindernislauf, das enorme Tempo der Stimmungs- und
Schauplatzwechsel zwischen Wall Street und dem Kaukasus, Crashangst und
Arbeitsplatzverlust, Bankencrash und Politik. An solche Ereignisse mit
ständig wechselnden Schauplätzen werden wir uns erst gewöhnen müssen. Es ist
eine neue Art von Weltgeschichte. Immer mehr Menschen, deren Wanderungen
gezielt gefördert werden, mehr Mächte im Guten und Bösen, mehr
Möglichkeiten, sich bemerkbar zu machen, mitzureden und zu stören.
Zum ersten Mal in der Geschichte, abgesehen von der 68-er Zeit, ist praktisch
die ganze Welt politisch aktiv. Ein Phänomen des globalen Erwachens.
Afro-Amerikaner, die mit ihrer Stimme Barack Obama zum ersten farbigen
Präsidenten der USA machen. Auch muslimische Fanatiker oder andere
gewalttätige Gruppen sind Teil dieser neuen Form des globalen Erwachens, dem
Kampf um die weltweite Aufmerksamkeit. Gleichzeitig ist es aber auch ein
Protest der Länder und der Kulturen gegen die unüberblickbare
Globalisierung.

Als 1999 die „G 20" Gruppe Industrie- und Schwellenländer von den Vereinigten Staaten bis Indonesien
zusammen brachte, stellte dies ein Eingeständnis der Reichen und Mächtigen von gestern dar, dass sie die Welt nicht mehr beherrschen können.
Ausgerechnet diese bunte, Nord und Süd umfassende Runde, die lange nur ein
Schattendasein führte, ist zur obersten Instanz in der Debatte über die
Weltfinanzkrise geworden und das hat Folgen. Die früheren Entwicklungsländer
werden sich ihren frisch eroberten Platz am Tisch der Grossen nicht mehr
nehmen lassen, wenn es demnächst um Handel oder Armutsbekämpfung geht.

Mit der Finanzkrise hat die Dominanz der USA nach dem Scheitern von Bushs
Weltmachtpolitik einen zweiten vernichtenden Schlag erlitten und damit ihre
Stellung als dominante Grossmacht verloren. Auch die zweite einstige Grossmacht,
Russland, die zuerst die Finanzkrise als amerikanisches Sünde darstellte,
steht auf der  Verliererseite.
Die Moskauer Börse wurde geschlossen und Putin mit seinen Oligarchen
erlitten Milliardeneinbussen, die sie an den Rand des Konkurses brachten.

Auch die vom Westen gefürchteten Ölländer wie Iran oder Venezuela sehen ihre
Staatseinnahmen durch den Einbruch der Energiepreise schwinden.

Die in den letzten Jahren aufgestellte These, dass moderne Diktaturen wie
die chinesische für die Zukunft besser gerüstet sein könnten als die träge
gewordenen liberalen Demokratien, hat sich als falsch erwiesen. Chinas
Regime  kämpft mehr den je mit der Angst, dass das Volk mehr Freiheiten
will, was das Regime logischerweise nicht erfüllen kann.

Die vergangen Jahre unter George W. Bush waren Jahre der Spaltungen und der
Polarisierungen. Obama verspricht nun Abkühlung und Gemeinsamkeiten.
Die Geste dazu soll nicht die geballte Faust sondern die geöffnete Hand
sein. Es gibt eine globale Sehnsucht nach Kooperation, in tiefster Not
greift die Welt nach einem Geld verschlingenden Mittel, das heisst,
Tagungen und Gipfelkonferenzen über Klima, Finanzmarktregulierung oder
Investitionsprogramme, zerstreiten sich  dabei wie immer und können trotzdem
vom Miteinanderreden nicht lassen.

Und die Schweiz? Ist sie fähig, aus all diesen Turbulenzen zu lernen und
findet sie endlich zurück zur Politik des Füreinander und nicht
Gegeneinander? Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Was unsere Vorfahren

geschaffen haben, sollten wir imstande sein zu erhalten.
Die Zukunft wird es uns zeigen.

 

W. Ostermeier