Sie wissen alles und haben doch keine Ahnung
Sie wissen alles und haben doch keine Ahnung
Ist die Angst gegenüber der SF-Tagesschau im Verbund mit dem Tagesanzeiger für unsere Demokratie gefährlich? Wie viel gesteuerten Einfluss verträgt eine Demokratie? Ist diese Einflussnahme überhaupt legal? Weshalb schweigt der Ombudsmann? Weshalb schweigt das Volk?
Solche Fragen stellen sich einem jeden Tag, wenn man, wie hunderttausende Schweizer am Abend die Nachrichten des SF1 am Fernseher verfolgen will, oder aber wenn man an jedem Flughafen in der Schweiz und zum Teil auch im Ausland einen Tagesanzeiger oder andere Gratiszeitungen geschenkt bekommt.
Vier Punkte sind es, die in den letzten Tagen betreffend diese Medien aufgefallen sind: In der Internet SF-Tagesschau vom 19. Oktober 08 verkündet D. Leuthard, dass es keine Krise gibt.
Am 09. November 08 sagt sie an gleicher Stelle, dass sie eine Rezession nicht mehr ausschliesst. -Am 03. November 08, in den Abendnachrichten des SF wird der Fernsehzuschauer auf die Tragödie in Goma hingewiesen, obwohl diese Katastrophe bereits seit August 2007 statt findet. Ebenfalls am 03. November 08 erklärt der Tagesanzeiger Bundesrat Merz, dass Bibelsprüche gegen die Finanzkrise nicht helfen würden.
Diese Art von Berichterstattung der erwähnten Medien erinnert an die Zeit der SED in der ehemaligen DDR. Dieser hat, wie wir alle wissen, nicht sehr effizient gearbeitet, dafür aber eine gigantische Datenmüllhalde angehäuft, der man vor allem zweierlei entnehmen konnte oder kann: Ihre eigenen Medien, Fernsehen und Radio umstellten und sicherten sie derart ab, dass jeder Wahrheitssinn und jede Überschaubarkeit im Keime erstickt wurde.
Ist es beim SF1 oder beim Tagesanzeiger anders? Die Einflussnahme auf jedes beliebige Thema ist umfassend und erschreckend. Nur durch die Fülle der Nachrichten, mit der wir tagtäglich überschwemmt werden, ist diese ungestrafte Beeinflussung des Bürgers überhaupt möglich und der Ombudsmann leider weit weg von der Front.
Dass mit Bibelsprüchen die Finanzkrise nicht gelöst werden kann, ist sich Herr Bundesrat Merz sicher bewusst, besser wahrscheinlich als derjenige, der ihn darauf aufmerksam gemacht hat.
Zumindest einen Gefallen hat uns die Finanzkrise in den letzten Wochen getan: Sie wurde konkret und scheint auch jenen die Augen geöffnet zu haben, die bislang Mühe hatten, sich unter Kreditengpässen, Liquiditätsspritzen, Derivaten oder Interbankenhandel etwas Anschauliches vorzustellen. Wir bekommen jetzt Nachhilfeunterricht darin, wohin eine Finanzkrise dieser Grössenordnung führen kann und dies auch ohne dabei gebetsmühlenartig immer die gleichen Opfer aufzuzählen und so die Volksseele bewusst zum kochen zu bringen.
Wohin sie führen kann - in eine Weltrezession, liebe Frau Leuthard. In eine Weltrezession, die zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg im kommenden Jahr die Wirtschaftsleistungen in Amerika, Europa und Japan gleichzeitig schrumpfen lassen wird. Vor fünf Wochen hatten die Menschen Angst um ihr Geld, heute haben sie Angst um ihren Arbeitsplatz.
Das Horrorszenario einer Weltrezession stammt nicht von irgend welchen Schwarzmalern, sondern von den Statistikern des Internationalen Währungsfonds. Nachdem der Jahreswirtschaftsausblick des IWF bereits sehr skeptisch war, sind nun die Erwartungen nochmals dramatisch zum Schlimmeren korrigiert worden.
Was noch vor einem halben Jahr als positive Nachricht zur Kenntnis genommen worden wäre – der Ölpreis so tief wie schon lange nicht mehr, Lebensmittel sind wieder fast für jedermann erschwinglich und Inflationssorgen muss man sich auch kaum mehr machen - wird heute zum Vorzeichen einer schweren Wirtschaftskrise. Auch die Meldungen der Automobilbranche sind verheerend. Bei GM, Daimler und BMW sind die Aufträge zusammen gebrochen. Die Arbeiter werden in die Zwangspause geschickt.
Angesichts dieser düsteren Aussichten wirken die konzentrierten Gegenmassnahmen der verschiedenen Regierungen einigermassen hilflos. Die Notenbanken senken den Leitzins, aber die Börsen reagieren darauf nicht. Die Regierungen schmieden angesichts dieser schlechten Wirtschaftsprognosen Konjunkturprogramme – die man so nicht nennen soll – und pflegen dabei altbekannte Liebschaften – vom Klimaschutz bis zum Strassenbau. Es ist richtig: Es kommt jetzt darauf an, dass Verbraucher, Firmen und Banken wieder Vertrauen finden, Geld auszugeben. Wenn die Staaten diese Art von Wirtschaft fördern wollen, sollen sie die Steuern ihrer Bürger senken, sonst werden die Arbeitslosenzahlen (1. Quartal 2009 ca. 4,4%) uns mehr als erschrecken.
Man kann den Esel zum Brunnen führen, trinken muss er selber.
Noch einen Vermerk betreffend der Nachricht aus Goma. Der Kernpunkt dieser Meldung ist nicht die Tragödie an sich, sondern dass die UNO dringend Geld braucht. Geld, das die Wirtschaft heute nicht mehr hat. Gelder, die nur mit der Appelation an das schlechte Gewissen zu erhalten sind.
Redaktionsvermerk: Ein Bericht betreffend Goma folgt in Kürze.


